Sex + Drugs + Punkrock = Lust for Life

Kokain, Heroin, Sex, Nazis, Bier, Wurst, Polizisten, Penner, Junkies, Krisen, Liebe, Lärm, Techno, Punk, Rausch, Kater, Blockaden, die Mauer, Freiheit –

Mit dem Backstein auf dem Gaspedal rauscht das neue Stück von Sascha Hawemann durch die Berliner Jahre der beiden gleichsam kongenialen wie unterschiedlichen Musiker Iggy Pop und David Bowie. Pop, der Passenger, vierfach dargestellt mit blonder Wuschelmähne von Jakob Benkhofer, Silvester von Hösslin, Jonas Steglich und in besonderer Weise von Hagen Oechel, stolpert dabei von Rausch zu Rausch, von Bett zu Bett in den nächsten Kater, in die nächste Line Koks oder die nächste kreative Krise. Am Ende steht ein Musikalbum: Lust for Life.

Die Person Iggy Pop wirkt aus knapp 40jähriger Entfernung angestaubt mit wenig Potenzial für einen erkenntnisreichen Abend. Doch schon der manieristisch verrenkte und verzerrte, in Perfektion vollendete Tanz Oechels gleich zu Beginn des Stückes nimmt einen gefangen und macht neugierig auf den sehnigen alternden Rockstar.

David Bowie dagegen erlebt seit seinem Tod vor genau drei Jahren ein Aufmerksamkeitscomeback und gerade vor diesem Hintergrund erscheint es dann spannend, nicht etwa die auserzählte und tausendfach porträtierte Londoner Pop-Ikone in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken, sondern seinen abewrackten draufgängerischen Buddy: Iggy Pop.

Die dritte Hauptrolle im Stück übernimmt eine Stadt: Berlin. Genau in der Zeit, in der Pop und Bowie sich auf ihren drogenvernebelten Selbstfindungstrip in der geteilten Stadt begeben, wird der Grundstein gelegt für dieses edgy Lebensgefühl, dem bis heute Millionen von easyjet-Touristen auf der ganzen Welt hinterherhecheln. Die Stadt – genauer – West-Berlin, erhebt sich wie das gesamte Land aus den Trümmern eines vernichtenden Krieges. Das neue Selbstwertgefühl macht sich auch in der Kunst bemerkbar. Auf der ganzen Welt hört man Krautrock und vier Kunststudenten aus Düsseldorf erfinden ein neues Musikgenre. Tangerine Dream’s Edgar Froese (Jakob Benkhofer), gewährt sodann den beiden Weltstars Bowie und Pop ein Dach über dem Kopf und bietet sich als Produzent des namensgebenden Musikalbums an. Doch die Arbeit des kreativen Dreiergespanns will nicht fruchten. Bowie und Pop haben eine eigene Agenda, finden die Inspiration nicht im Studio, sondern in der Stadt, Berlin, dessen Name wie eine Verheißung klingt.

Treffend dargestellt ist dabei die Ignoranz und Rücksichtslosigkeit, mit der beide dabei vorgehen. Für die beiden Künstler ist die Stadt ein verklärter Sehnsuchtsort, an dem sich die eigenen Unzulänglichkeiten, vor allem ihre Drogenabhängigkeit, in Luft auflösen sollen. Mit dieser Erwartungshaltung verhindern beide eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem, was im Deutschland der 70er Jahre in Wirklichkeit passiert. Wobei auch niemand sagt, dass sie sich wirklich damit auseinandersetzen wollen. Das nimmt mitunter groteske und perverse Züge an, wenn Bowie seine Bewunderung für Hitler, den „ersten Popstar“ zum Ausdruck bringt. Und hier liegt eine Stärke des Stücks. Es verklärt nämlich nicht, so wie es Bowie-Portraits und -Nachrufe oder Schilderungen der legendären Berlin-Years tun. Auch deshalb bietet sich der Widerpart Bowies, Pop, der in seinem broke sein weitaus mehr mit seiner Umgebung harmoniert, weitaus mehr als zentrale Figur im Stück an. In einer Szene zeigt sich die Beziehung zwischen Pop und dem Deutschland der 70er Jahre besonders eindrucksvoll. In der deutschen Provinz, in Heidelberg, fernab des wilden und neurotischen Berlin, steht Pop in der Küche der Familie seiner deutschen Freundin Esther Friedman (Sarah Franke) und setzt eine Milchtüte an den Hals. Quittiert wird dies von der Mutter Friedmans, ihr Vater sei nicht in Auschwitz gestorben, damit sie mit solch einem Dreck nach Hause kommt. Hier trifft die Sensationsgeilheit des orientierungslosen kalifornischen Rocksängers auf Menschen, denen angesichts der nicht allzu jungen Vergangenheit das Verständnis für jegliche Verklärung irgendeines deutschen oder zumindest West-Berliner Lebensgefühls abhandenkommt. In diesem Moment liegt sehr viel Wahrheit. Statt das als Anstoß zum Nachdenken zu nehmen, quittiert das Publikum die Einlassung der Mutter leider nur mit lautem Gelächter.

Der Rest des Stückes ist Unterhaltung auf sehr hohem Niveau. Die Songs des Albums sind perfekt eingesetzt und werden von allen Schauspieler*innen live eingespielt. Vor dem Hintergrund der rauschhaften Musik nimmt auch das Stück schwindelerregend Fahrt auf. David Bowies Androgynie spiegelt sich nahezu perfekt wider in der Besetzung mit Carolin Haupt, die in aufwendigen Kostümen die gesamte Exzentrik und Präsenz Bowies auf die Bühne bringt. Mit der Sicherheit eines Zeitzeugen schickt Regisseur Sascha Hawemann, der sich zum Zeitpunkt des Geschehens interessanterweise auf der anderen Seite der Mauer aufhielt, beide Protagonisten auf ihre Reise an die Originalschauplätze eben jener Zeit mit dem genauen Wissen darüber, wer genau wann an welchem Ort mit wem geredet, gejammt oder geschlafen hat und sorgt so für einen Theaterabend, der noch lange nachhallt.

Foto: Katrin Ribbe

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