Der rote Faden. Ein Gespräch mit Barbara Kantel

Die Theaterwissenschaftlerin, Anglistin, Historikerin und ausgebildete Tanz- und Theaterpädagogin Barbara Kantel leitet seit zwei Jahren das Junge Schauspiel. Am vergangenen Freitag trafen Lukas L. Krüger und Inke Johannsen sie auf eine Tasse Harmonie-Tee, um über Vermittlungsarbeit für (junges) Publikum, Zugänge zum Theater und partizipative Projekte zu schnacken.

Sie sind Mitgründerin des Jungen Schauspiels, würden Sie uns etwas über das Konzept des Jungen Hauses erzählen?
Das Schauspiel Hannover hatte zunächst nur vor- und nachbereitende Angebote zu den Produktionen, die auf dem Spielplan standen. Aber im Laufe der Zeit haben wir das stark in Richtung von partizipativer Arbeit ausgebaut. Das Junge Haus hat zwei Standbeine und das ist im Prinzip auch die konzeptionelle Grundidee. Es gibt von Profis gemachtes Theater und das partizipatorische Standbein, wo Theater mit und für das Publikum gemacht wird. Dort gibt es dann sowohl die Clubarbeit als auch Produktionen, für die wir Profis bitten, mit vor allem jungen Menschen Theaterproduktionen zu machen, die dann tatsächlich auch Spielplanproduktionen sind, also regelmäßig auf dem Spielplan stehen. 

Wird bei der Spielplangestaltung dann direkt Wert auf bestimme Themen gelegt, die sich als gesellschaftlich relevant auszeichnen?
Das ist total unterschiedlich. In der Intendanz von Lars-Ole Walburg war das sicher ein wichtiges Thema, da er sich mit seinen Spielplänen und Stücken insgesamt sehr gesellschaftspolitisch positioniert hat.
Es hat auch sehr viel damit zu tun, wie sich die Dramaturgie selber definiert und zusammensetzt. Für mich ist das ein ganz wichtiger Aspekt, da ich den Spielplan für das Junge Schauspiel mitentscheide und produziere. Ich glaube schon, dass ich persönlich eher immer dazu tendiere, politische oder gesellschaftliche Themen in die Spielplandiskussion hineinzubringen und nach Regisseur*innen zu suchen, die diese Aspekte auch spannend finden. 

Inwiefern wird die Vermittlungsarbeit in der Spielplangestaltung schon mitgedacht?
Dadurch, dass die partizipatorische Arbeit ein Standbein des Jungen Schauspiels ist, muss sie automatisch mitgedacht werden. Zur Zeit ist es so, dass wir auf dem Spielplan schon mindestens zwei Produktionen haben, in denen wir dezidiert über Partizipation nachdenken.
Da ist ein Projekt von andcompany & Co., wo es um Fake Youth geht. Dafür laden wir junge Künstler*innen ein, hier vor Ort mit Leuten, die wir casten, eine Produktion zu entwickeln. Das ist in der Regel etwas, das gemeinsam mit den Teilnehmenden entwickelt wird.
Ein zweites Projekt ist das Theater Mobil, das wir jedes Jahr auf die Straße bringen. Wir überlegen vorher, welches Thema gesellschaftlich relevant sein könnte, sind aber offener in der Revidierungsmöglichkeit des Themas, weil wir schon häufig gemerkt haben, dass die These vom Anfang nicht mehr zutreffend war. Da sind wir dann wirklich mit einem Bus oder Wohnwagen draußen und bitten die Menschen, mit uns zurück zu kommen und auf die Bühne zugehen. Da lernen wir auch neue Leute kennen. 

Welche Entwicklungen haben sich durch die Fahrten mit dem Theater Mobil gezeigt?
Die Theater in den Zentren der Städte und die Leute, die in der Peripherie wohnen, haben im Prinzip überhaupt nichts miteinander zu tun oder wissen nicht mal voneinander. Das aber in beide Richtungen, also wir wissen rein theoretisch, da gibt es noch Menschen, die nie den Weg zu uns finden und genauso wissen möglicherweise manche Menschen, dass es sowas wie Theater gibt, glauben aber, das ist nichts für sie oder hat überhaupt nichts mit ihnen zu tun.
Über dieses Projekt schaffen wir es, regelmäßig in die städtischen Peripherien zu gehen und da mit Leuten zu arbeiten und diese auch mit auf die Bühne zu holen. So können wir für die Teilnehmer*innen einen anderen Erfahrungsraum öffnen und die bringen dann zumindest für ihre Produktionen nochmal ganz andere Zuschauer*innen mit. 

Werden bestimmte Werkzeuge von Zuschauer*innen verlangt, um einen Theaterabend entschlüsseln zu können?
Ich glaube, dass es wünschenswert wäre, Theater mit einer anderen Haltung zu begegnen. Also wenn über Erstkontakte erstmal das (ästhetische) Erlebnis im Vordergrund steht, also Gefühl, Haltung und Impulse, die da kommen. Vielleicht eher wie eine kindliche Rezeptionsweise. Uns wird gerade im Kinder- und Jugendtheater häufig gesagt, dass die Kinder einen roten Faden brauchen, damit sie das Stück erleben können. Ich glaube aber, Erwachsene brauchen den roten Faden und Kinder sind die totalen Expert*innen darin, einzelne Dinge wahrzunehmen, indem sie einzelne Dinge betrachten und sich irgendwann einen Reim darauf machen. Durch das Verstehen-Müssen von Inhalten, verschütten sich andere Zugänge, die man zu einem ästhetischen Erlebnis haben könnte. 

Wie stark muss der Wunsch nach einem möglichst diversen Publikum artikuliert werden, um dieses anzusprechen?
Ein Weißes Mittelklasse-Ensemble kann Nicht-Weißen Zuschauer*innen eher selten das Gefühl geben, gemeint zu sein. Schlichtweg, weil die Protagonist*innen auf der Bühne alle irgendwie anders aussehen. Das würde sich ändern, wenn man eine diversere Zusammensetzung im Ensemble hätte.
Was ist Diversität überhaupt und stellt man sie nicht plötzlich aus, während sie in der Bevölkerung selbstverständlich ist? In einem Seminar hat der zu Diversität forschende Dozent gesagt, dass wir mittlerweile in einer völlig diversen Gesellschaft leben. Die einzige Blase, die es gäbe, sei die Kultur, wo sich im Prinzip Mittelklasse-Menschen darüber verständigen, was Kultur ist und produziert wird.
Das ist auch eine Frage der Role Models, wenn zum Beispiel eine Nicht-Weiße Schülerin ins Theater geht und sieht, was auf der Bühne passiert, dann ist es für sie zur Zeit noch relativ schwierig zu sagen: Okay, das will ich auch machen.
Weil es in dem Moment so wenig mit ihr zu tun hat und es so wenig Berührungspunkte gibt. People of Color sehe ich einfach nicht genügend auf der Bühne. Die sehe ich aber auch nicht in den Stabsstellen. Das ist die eine Geschichte.
Die zweite ist natürlich, dass wir längst jede Menge Leute haben, die kulturell aktiv und divers aufgestellt sind, die aber nicht sichtbar sind. Und das ist etwas, das wir hier am Haus mit unseren Mitteln, Leute anzusprechen, erreichen wollen. Wir müssen uns viel stärker auch in diese Zirkel und in die Diskussion mit den Leuten begeben, um in einen Austausch zu kommen. Das ist der Grund, warum wir das Forum We would like to invite you, if this is OK machen. Das ist ein Versuch ins Gespräch zu kommen und nicht nur immer über Leute, sondern mit Leuten zu reden.

Danke für das Gespräch. 

Das Forum We would like to invite you, if this is OK findet vom 22. bis 24. Februar im Ballhof statt.

 

Begriffliche Erläuterungen:

Weiß: Um zu verdeutlichen, dass es sich bei den Bezeichnungen Schwarz und Weiß um rassistische Konstruktionen handelt und hierarchische Strukturen durch die Ausnutzung weißer Privilegien aufgreift, werden die Begriffe in adjektivischer Verwendung groß geschrieben. 

People of Color (PoC): Selbstbezeichnung von Menschen, die aufgrund ihres Nicht-Weiß-Seins (strukturell) rassistischen Erfahrungen und unterschiedlichen Diskriminierungsformen ausgesetzt sind.

LGBTQIA+: Abkürzung für eine gesamte Community: Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer/Questioning, Intersex, Asexual. 

Queer: Menschen, die sich in kein binäres Geschlechts- und Sexualitätssystem einordnen (wollen)

Ein Interview von Lukas L. Krüger und Inke Johannsen

Foto: Katrin Ribbe

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