Ketchupblut und Blumenkohl

Macht. Arturo Ui hat sie endlich. Mit weit gespreizten Beinen sitzt er zurückgelehnt und zufrieden im tiefen Sessel. Auf der übergroßen Projektion, die sich über die gesamte hinteren Bühne erstreckt, zucken seine Mundwinkel triumphierend nach oben. Das düstere Schicksal Chicagos ist besiegelt.

Bertolt Brecht schrieb das Stück Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui im Jahre 1941 im finnischen Exil. In der Parabel überträgt der Autor den Aufstieg Hitlers auf Karfiolmarkt und Gangstergewalt. Unter der Regie von Claudia Bauer verhandelt das Schauspiel Hannover Macht, Korruption und die Frage, wie das denn alles – so plötzlich – hat passieren können.
Doch zu Beginn wird sich ganz im brechtschen Sinne erst einmal von jeglicher Illusion distanziert. Auf die noch abgeschirmte Bühne wird ein Darsteller projiziert, der sich seinen Weg zwischen Techniker*innen und Maskenbildner*innen auf die Bühne sucht und dabei in den epischen Verfremdungseffekt einführt. Gestik, Zitat, Wiederholung – für das epische Theater braucht es ein konzentriertes Publikum.
Die Bühne ist mit hohen Holzwänden im Landhausstil ausgekleidet. Auf rustikalen Stühlen versammeln sich die Gemüsehändler und beklagen die „verdammten Zeiten“. Absatzkrise, das Gemüse bleibt liegen. Unterstützt werden sie von einem Vokalensemble unter der Leitung von Florian Lohmann. Gemeinsam beschließen die Gemüsehändler den Politiker Dogsborough um eine Anleihe für Kaianlagen zu bitten. Als dieser im Namen der Stadt aber ablehnt, vertrauen sie auf seine eigene Habgier, um ihn auf seine Seite zu ziehen. Der alte Dogsborough, gespielt von Emma Rönnebeck, wird bald darauf von allen Seiten instrumentalisiert und kann bald nur noch einzelne Wortfetzen wimmern. Im Lügennetz verstrickt, lässt sich der Politiker auf den Gangster Arturo Ui ein. Und der hat es auf den Gemüsemarkt abgesehen. Wo noch kein Schutz gebraucht wird, muss sich um die Not selbst gekümmert werden. Uis Handlanger spritzen mit dem Kunstblut aus der Curry-Ketchuptube um sich und zünden dann den Speicher eines Gemüsehändlers an.
Katja Gaudard spielt den Arturo Ui mal trotzig-wütend, aber auch zweifelnd und ungelenk. Die Vielschichtigkeit der Figur wird durch Gaudards weites Gesichtzügenrepertoire perfektioniert. Große Gesten gibt es besonders bei Philipp Kronenberg, der zappelnd, zeigend, zaudernd und staunend über die Bühne wirbelt. Trotz Prohibition wird viel Bier in Plastikbechern ausgeschenkt, Ui fragt lieber direkt nach einem Glas Macht.
Die Aktualität des Stückes liegt in der Konstruktion von Narrativen. Ui beteuert, seine Autorität nicht durch Gewalt und Betrug („Browning“) an sich gerissen zu haben, sondern allein durch seinen steten Glauben. Im Gerichtssaal gilt das Recht dem Korruptesten. Wem wird geglaubt und welche Freiheit bleibt am Ende noch?
„Ihr aber lernet, wie man sieht, statt stiert und handelt, statt zu reden noch und noch“, das Stück endet mit Brechts mahnendem Epilog. Währenddessen wird Ui zu einer gottähnlichen Erscheinung. Auf einem Podest wird er weit über Publikum und Bühne gehoben.

Foto: Isabel Machado Rios

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