VER-FREM-DUNGS-E-FFEKT

Nach der Uraufführung im vergangenen Sommer bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen präsentieren Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson und das Ensemble bei der Premiere in Hannover das Ergebnis ihrer Suche nach Brechts Verlorener Oper. Ruhrepos, die die Geschichte des Kohleabbaus im Ruhrgebiet mit dem Entstehungsprozess einer Auftragsarbeit.

Zwischen Textbüchern, verlorenen Zeilen und fehlenden Zugängen beginnt die Suche nach dem Ursprung. Bald formieren sich drei Akteure innerhalb der Geschichte und werden drei Schauspieler*innen für den weiteren Verlauf der Inszenierung zugeschrieben.
Bertolt Brecht, der Dichter. Kurt Weill, der Musiker. Und Carl Koch, der Filmproduzent.
Und so erleben auch die Zuschauer*innen den Findungsprozess auf drei Ebenen:
Elemente aus Bild- und Videoprojektionen, Gesang und Schauspiel fügen sich ineinander und bilden somit theoretisch einen Rahmen, der für eine Oper charakteristisch erscheinen könnte. Dennoch verkanten sich diese Elemente der unterschiedlichen Medien von Zeit zu Zeit ineinander und müssen wieder aufgelöst werden, um sich erneut auf die Suche nach dem einen richtigen Zugang zu machen.

Prägend ist jedoch besonders das chorische Sprechen des Ensembles auf der Bühne.
In Wortgefechten oder Zweier-Szenen fallen sie einander ins Wort, helfen einander aus und synchronisieren sich doch immer zu. Das chorische Sprechen überträgt die Aussagen einer Rolle auf eine Gruppe und bewirkt somit zweierlei: Die Verantwortung der sprechenden Rolle  über die Aussage wird entkräftet und bekräftigt im gleichen Moment die Aussage, indem diese hervorgehoben wird.
Hinsichtlich des fragmentarischen Charakters der Elemente können Rollen und Figuren so (de-)konstruiert werden und sich einer direkten Zuschreibung entziehen. Und so entzieht sich auch das Team der Suchenden einer einheitlichen Lösung des Dilemmas des Verlorenen.
Die Möglichkeit, die Aussagenbestandteile neu zusammensetzen zu können, stellt also in ihrer (De-) Konstruktion eine Kritik an ihrer Stärke dar und bricht mit einer eventuellen allgemeinen Endgültigkeit.

Gerade diese Brüche, die durch Konstruktion und Synchronisation entstehen, sind ein immer wiederkehrendes Merkmal der Inszenierung der Verlorenen Oper. Ruhrepos.
Synchonizität wird auch erforderlich, wenn die Schauspieler*innen in unregelmäßigen Abständen die Haltung des V-Effekts darstellen. Dazu nehmen alle die gleiche Körperhaltung ein, indem der Körper gestreckt ist und sich die Arme in Form eines Vs über dem Kopf befinden. Diese Haltung wird immer dann eingenommen, wenn gerade ein Widerspruch aufgedeckt, ein Missverständnis entlarvt oder allgemeine Verwirrung herrscht. Bereits zu Beginn des Abends treten die Schauspieler*innen immer und immer wieder durch den Vorhang auf und nehmen die Pose ein. Dies wirkt zunächst wie ein eine triumphierende Geste nach einem geglückten Kunststück, verweist jedoch in seiner wiederholten  Ausführung auf sich selbst.

Das Theatererlebnis der Verlorenen Oper zeigt eine Sammlung theatraler, epischer Zeichen, die es zu lesen gilt. Überforderung und Überreizung der Sinne sind nicht nur eine Konsequenz des Wahrnehmens, sondern eine mögliche Antwort auf die Frage, wie man sich auf die Suche nach etwas Verlorenem begeben kann. Die ästhetische Auseinandersetzung in Kombination mit dokumentarischen und biografischen Auszügen von Expert*innen und Betroffenen, stellt eine Collage dar, die sich vielfältig zusammensetzen und lesen lässt und doch immer wieder auf das Theater zurück verweist.
Durch verschiedene Ästhetiken (Sprachlichkeit, Körperlichkeit, Kostümbild, Musikalität) entsteht ein Bild davon, wie vielfältig die Annäherungsversuche an ein Projekt wie dieses ausfallen können.
Der Abend lädt durch die Fragmente und einzelnen Elemente dazu ein, einen Weg zur Entstehung einer Oper und den Niedergang des Kohleabbaus im Ruhrgebiet mitzugehen und vielfältig zu erleben.

Foto: Katrin Ribbe

 

 

 

 

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