„Es war einmal … das Leben“ – Ein körperlicher Erfahrungsbericht

Als ich am Samstagabend zur Premiere von Es war einmal … das Leben fahre, weiß ich nicht, was mich erwartet. Ich habe schon mal von der gleichnamigen französischen Zeichentrickserie gehört und stelle mir einen Abend vor, der mich vielleicht in Anspielung auf die Serie zum Lachen bringen wird oder philosophische Fragen über das Leben – im wahrsten Sinne des Wortes – aufwirft.

Ich nehme meine Karten im Foyer entgegen und will mich schon zur Treppe wenden, als mir noch schnell gesagt wird, dass das Stück vier Stunden dauern wird. Ich muss blinzeln und überlege, ob es angebracht ist, zu fragen, ob das ernst gemeint ist. In der Regel schaue ich auf Netflix nur Filme, die nicht länger als zwei Stunden dauern und im Theater wird es ab drei Stunden kritisch. Es ist ein bisschen so, als hätte ich eine innere Uhr, die mich daran erinnert, was noch alles auf meiner To-Do-Liste steht und warum es nicht sinnvoll ist, diese für einen ganzen Abend liegen zu lassen. Da das nicht unbedingt eine gute Eigenschaft ist, beschließe ich, mich auf das Stück einzulassen und werde auch ein bisschen neugierig.

Das Licht geht aus und ein Mann kommt auf die Bühne. Er stellt sich an ein Redepult und spricht über das Verstehen: „Verstehen ist ein außerordentlich interessantes Phänomen, es ist mehr als ein Gedanke, mehr als ein Gefühl, mehr als die Fähigkeit, etwas mit Worten zu benennen.“

Der Monolog gefällt mir und macht mich nachdenklich. Der Mann verlässt die Bühne und ein Labor taucht auf. Menschen in weißen Kitteln laufen aufgeregt hin und her, schauen in Mikroskope und hantieren mit bunten Flüssigkeiten. Ich mag Labore nicht. Sie erinnern mich an verunglückte Experimente, den verhassten Chemieunterricht und sorgen für ein kribbeliges Gefühl auf meiner Haut. Leider weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass das Kribbeln für den Rest des Abends bleiben wird.

Das Stück kommt langsam ins Rollen. Überall wird Technik installiert. Techno-Musik wummert aus den Boxen, Lichter flimmern und Körper bewegen sich krampfhaft vor und zurück. Ich beginne zu begreifen, dass hier ein Prozess im menschlichen Körper dargestellt wird. Von da an findet ein regelmäßiger Wechsel statt zwischen Szenen innerhalb und Szenen außerhalb des Körpers. Der Mann, den das Publikum schon kennenlernen konnte, hat eine komplizierte Familiengeschichte, bei der ich nicht so richtig verstehe, welche Rolle sie für das Stück spielt. Interessanter ist da die Tatsache, dass bei ihm Krebs diagnostiziert wird. Menschen und Körperbestandteile haben nun verschiedenste Ansätze, damit umzugehen. Es wird über umstrittene Methoden diskutiert, geweint und beraten.

Als nach langer Zeit endlich die Pause kommt, fühle ich mich bereits wie überfahren. Ich bin gestresst von der Musik, den Lichtern, dem viel zu großen Bildschirm und einer Geschichte, die mir einfach nicht einleuchten will. Neben mir unterhalten sich Leute ganz begeistert über die Technik, aber ich verstehe nicht, warum ich einen Fernseher brauche, wenn ich ins Theater gehe. Soll das symbolisieren, wie weit die Menschheit in der Wissenschaft vorangeschritten ist? Oder ist es einfach nur schicker Schnick-Schnack? Ich fahre meinen Kreislauf mit einem zuckrigen Gummi-Gehirn, das zwischendurch verteilt wurde, wieder nach oben und wappne mich für die zweite Hälfte. Was kann schon noch kommen?

Richtig. Noch mehr Techno, noch mehr Lichter und noch mehr Technik. Es fühlt sich an, als würde der Bass nicht mehr nur von außen wummern, sondern als hätte sich mein ganzer Körper dem Rhythmus angepasst. Auf der Bühne finden jetzt irgendwelche Wiederbelebungsversuche statt. Immer, wenn ein elektrischer Schlag durch den Körper des Mannes fährt, knallt es und ein helles Licht blendet auf. Immer, wenn das passiert, habe ich das Gefühl, mein Herz setzt aus. Gruselige Krankenschwestern blicken starr in die Kamera, Menschen schlucken Pillen und tanzen verkrampft. Mir wird schlecht. Ich hätte das Gummi-Hirn nicht essen sollen. Den Handlungsstrang habe ich irgendwo zwischen der OP und der bekloppten Krankenschwester verloren. So stelle ich mir einen LSD-Trip vor, denke ich, als ich mir das Chaos auf der Bühne anschaue. Absolute Reizüberflutung.

Irgendwann ist das Stück vorbei und die Menschen strömen nach draußen. Der Weg nach Hause kommt mir unendlich weit vor. Das war mal wirklich ein Schauspiel für Körper und Sinne. Ich will nicht sagen, dass das eine tolle Erfahrung war, denn das war es nicht. Ich wünschte, mir hätte vorher jemand gesagt, was mich erwartet, dann wäre ich besser vorbereitet gewesen. Ob das was geholfen hätte? Aber was ich nun weiß: 1. Ich werde mir niemals diese Zeichentrickserie anschauen und 2. am Ende hat das Stück erreicht, was es gefordert hat: eine intensive Auseinandersetzung mit dem (eigenen) Körper.

Foto: Karl-Bernd Karwasz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s