Aus dem Leben der Giraffe

Giraffe ist neun Jahre alt und zu groß für ihr Alter, weswegen sie von der Frau, die ihre Mutter war, diesen Spitznamen erhielt. Sie selbst glaubt jedoch, dass sie Giraffe genannt wird, weil sie etwas sonderbar sei. Zu groß, aus der Norm fallend, vielleicht sogar monströs. Seit dem Tod ihrer Mutter lebt Giraffe allein mit dem Mann, der ihr Vater ist. Dieser ist ein derzeitig arbeitsloser Schauspieler, der sich bemüht, die anfallenden Rechnungen zu bezahlen, sich aber in einsamen Momenten  an den Romanen seiner Frau festhält.
Ihre Mutter hatte ihr jeden Morgen Codes vorbereitet. Zahlen, die eine Seitenzahl im Lexikon und die jeweilige Position des Wortes anzeigten. Giraffe sammelt diese Definitionen und Wörter und erklärt sich mit Hilfe dieser die Vorgänge in ihrer Umwelt.
Als ihr Vater schließlich die Rechnungen für das Kabelfernsehen nicht mehr bezahlen kann, bleibt Giraffe keine Möglichkeit mehr, den Discovery Channel zu schauen, über welchen sie Dinge lernt und den sie nutzen möchte, um ein Schulreferat über das Leben der Giraffen zu halten.
Gemeinsam mit ihrem motzenden Teddybären Judy Garland, der viel lieber Tschechow heißen und nicht über das Erwachsenwerden nachdenken würde, begibt sich Giraffe auf ein Abenteuer, um Geld für den Discovery Channel zu generieren. 

Während dieses Abenteuers begegnen ihnen seltsame Wesen. Da ist der alte Mann, der ihnen wütendes Geld gibt, das er selbst von seinen Kindern erhalten hat, die ihn jedoch nicht sehen wollten. Da ist der dubiose Panther, der Giraffe Angst macht, dem sie sich jedoch trotzend gegenüberstellt und der sich des wütendes Geldes annehmen möchte. Auch einem Bankangestellte, der die Werbung Lügen straft und schließlich dem Premierminister, der ein Gesetz erlassen soll, das es Giraffe und Judy möglich macht, so viel Geld von der Bank abzuheben, dass sie bis an ihr Lebensende den Discovery Channel schauen kann, begegnen sie. All diese Figuren hadern mit eigenen Problemen, erzählen Giraffe aus ihren Leben und stellen sie auf ihrem Weg vor Hürden, die es zu überwinden gilt.
All diese Figuren, denen sie begegnen, werden von demselben Schauspieler übernommen und stellen Manifestationen von Giraffes Vater dar, dessen Verhalten und zu vermutender Depression sie bisher mit Trotz begegnet ist. Während ihrer Suche nach dem Geld und einer Möglichkeit, ihren Vater finanziell zu unterstützen, erkennt sie, dass ihr Vater selbst vor kleineren und größeren Hürden steht.

Traurig und fröhlich ist das Giraffenleben erzählt den Weg der Trauerbewältigung eines Mädchens, das seine Mutter verloren hat und sich an Dingen und Erinnerungen festhält. Die aufgestaute Wut und Verzweiflung manifestiert sich in der kuriosen Figur der Judy Garland, die nicht in die zugeschriebene Position des niedlichen Teddybären passen will und sich nach einer selbst gewählten Persönlichkeit sehnt.
Auch die sprachliche wie zeitliche Differenzierung ihrer Elternteile in die Frau, die ihre Mutter war und den Mann, der ihr Vater ist, zeigt einen Abgrenzungsprozess.

Die Inszenierung in der Regie von Lena Iversen schafft einen intensiven Einblick in das emotionale Innenleben der Figuren. Die Motive der Trauer, der Angst und des Wachsens finden sich in den Szenen wieder und werden von Giraffe stets erklärt und analysiert. Diese Offenlegung des Prozesses der Figurenentwicklung gestaltet den Abend in einer einfühlsamen Roadmovie-Atmosphäre, die die Zuschauer*innen vorsichtig emotional mitnimmt.

Foto: Isabel Machado Rios

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