Ein Denkmal. Jetzt denken wir mal.

Bitte achten Sie bei der Nutzung der Sitzgelegenheiten von „Einer von uns“ auf Ihre Kleidung.

von der Website des Schauspiel Hannover

Eine Premiere im Cumberland. Auf jeden Fall legerer als im Schauspielhaus. Aber ich muss auf meine Kleidung achten, sagt das Programmheft. Okay, aber Hemd ist auf jeden Fall zu viel des Guten; vor allen Dingen für junge Zuschauer. Daher Pullover, Jeans und Turnschuhe. Im Saal selbst ist alles wie immer beim Reinkommen, nur dass es Waffeln gibt. Der Blick auf die Bühne: sehr ungewohnt. Warum ist hier eine Uhr und alle Wände wurden abgehängt? Wird hier gleich mit Farbe gespritzt? Meine guten Sachen! Das werden die ja kaum machen und wo sind überhaupt die Sitzreihen? Über 25 Minuten schlendern wir, die Zuschauermasse, durch den Saal und blicken auf die mit Schlagworten auf Deutsch und Norwegisch beschrifteten Kisten. Doch dann fängt jemand an und steigt in das Konstrukt voll mit Kisten hinein und stürzt sie alle um, bis wirklich keine mehr steht; sie sind alle gefallen. Der Beginn des Zerfalls einer freien Demokratie? Eine Aufarbeitung.

Das mediale Echo galt am 22. Juli 2011 ganz den Anschlägen des Anders Behring Breivik. In einem Sommerloch ein gefundenes Fressen für viele Nachrichtenredaktionen und die Sensationsgier vieler Leser*innen. Grund genug dafür, mit zeitlichem Abstand von den Ereignissen, diese Art des Umgangs mit dem Terror einmal kritisch zu überdenken. Subtil: Nur eine LED-Wand zeigt Schriftzüge, die zum Nachdenken anregen sollen, während der Tathergang und die Rede von Jens Stoltenberg nacherzählt und eingespielt werden.

Es ist die Gleichheit, die uns zu Konkurrenten macht.

Aus dem Stück Einer von uns

Mann, weiß, norwegisch. Also ein Landsmann. Waren es in der Vergangenheit doch häufiger Fremde, die durch Terror versucht haben, ihre eigenen politischen Ziele durchzusetzen. Doch auch der Attentäter von Utøya war und ist ein Fremder. Ein Fremder in einer sozialen, multikulturellen und diversen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, wie sie von den Mitgliedern eben der Jugendorganisation der norwegischen Arbeiterpartei gelebt und weiter vorangebracht wird. Warum nicht aber gewähren lassen? Warum diejenigen treffen, die verwundbar sind? Es entzieht sich der Vernunft. Ginge es nach Anders Behring Breivik, sind wir alle, die eine offene Gesellschaft propagieren, Schuld am Attentat. Es hätte verhindert werden können. Reue zeigt er auch deswegen nicht, versucht sich zu rechtfertigen und arbeitet mit den Behörden zusammen.

Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.

Jens Stoltenberg

Hat Anders Behring Breivik also das erreicht, was er erreichen wollte? Ja und nein. Er hat erreicht, dass er in Erinnerung bleibt. Er frönt seinem eigenen Geltungsbedürfnis. Dies ist ein Faktor, den wir immer wieder überdenken sollten, wenn wir über einzelne Attentäter sprechen und hören. So ist es richtig, das Stück nicht „Geschichte eines Massenmörders“ zu nennen. Sollten wir die Geschichte von Anders Behring Breivik erzählen? Nein. Sollten wir die Geschichte von Anders Behring Breivik zum Anlass nehmen, unsere Ziele einer freien Demokratie zu verteidigen? Auf jeden Fall. Dies ist, was der Attentäter erreicht hat, aber sicherlich nicht seine Intention war. Norwegen ist nach dem Attentat nicht geschwächt. Es ist stärker geworden, hat sich die eigenen Werte immer wieder vor Augen geführt und nutzt dies, wie andere Länder auch, gegen aufkommenden rechten Populismus.

Mitfühlend und mit großer Inbrunst wird in dieser Kooperation mit Det Norske Teatret aus Oslo deutlich gemacht, was der Anschlag des 22. Juli 2011 mit Norwegen gemacht hat. Mit Auszügen aus dem Buch Einer von uns von Åsne Seierstad entsteht eine bewegende Aufarbeitung der Ereignisse und wir sind ein Teil davon.

Die Produktion ist in Hannover nur noch sechs Mal zu sehen: Am 6., 7. und 9. April sowie am 8., 9. und 10. Mai, jeweils um 20:00 Uhr. Die Bar sowie die eigens zum Stück gestaltete Ausstellung über die Geschichte der Insel Utøya ist immer ab 19:00 Uhr geöffnet.

Foto: Karl-Bernd Karwasz

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