Hikikomori – Flucht in die Einsamkeit

Es heißt die Welt wird immer globalisierter und immer vernetzter. Für mich ist es selbstverständlich, Freund*innen in Argentinien oder Thailand zu haben und innerhalb weniger Sekunden mit ihnen über das Internet kommunizieren zu können. Die Tore zur Welt stehen offen. Sie stehen so weit offen, dass die meisten jubelnd hindurchrennen und eine Vielzahl an Chancen und Möglichkeiten sehen, aber nicht alle. Manche sehen nur einen großen Schlund, der sie verschlucken könnte, sobald sie sich ihm nähern. Und wo kann man diesem Schlund besser entfliehen als im eigenen Zimmer, wo alles vertraut und ungefährlich erscheint?

„Hikikomori“ wird es in Japan genannt, wenn sich Menschen Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre in ihrem Zimmer einsperren und sich der völligen Isolation hingeben. Das hat nichts mehr mit einem gesunden Selbstfindungsprozess zu tun, sondern ist ein gefährliches Krankheitsbild: Die Reaktion auf Überforderung, Angst und Panik. Diesem Thema hat sich in einer Koproduktion mit Landerer&Company jetzt auch das Schauspiel Hannover gewidmet. In Form eines Tanztheaters wird dargestellt, wie sich Menschen in die absolute Einsamkeit begeben und dort ihre Verhaltensstörung ausleben.
Das Bühnenbild erinnert mich an die grellen Lichter Tokios: Futuristisch und im wahrsten Sinne des Wortes raumeinnehmend verschieben sich die Wände hin und her, wechseln ihre Farbe oder bewegen sich mal schnell, mal langsamer, mal stehen sie still.

Die Darbietung der Tänzer*innen ist außergewöhnlich. Ihre Performance scheint perfekt ausgeführt, die Bewegungen sind fließend, gehen sauber ineinander über und sind völlig aufeinander abgestimmt. Dennoch tanzen sie emotionslos. Die Gesichter sind starr und die Körper wirken fast schon mechanisch. Ausnahme bildet ein halbnackter Mann, der arg verwahrlost aussieht und wild in den Raum starrt. Seine langen Haare stehen ihm von allen Seiten vom Kopf ab und er scheint wie in Trance. Es stellt sich die Frage, was mit Menschen passiert, die sich komplett von der Außenwelt abschotten. Die einen verstummen, empfinden Gefühle weniger stark und verweigern sich jedem menschlichen Kontakt, während andere nach einiger Zeit durchdrehen und verrückt werden. So ein bisschen wie Tom Hanks in Cast Away, als er einen Ball auf den Namen Wilson tauft und beginnt, sich mit ihm zu unterhalten, damit er seine Stimme und den Bezug zum eigenen Körper nicht verliert. Vielleicht ist es aber auch ein und dieselbe Person, die äußerlich noch völlig intakt wirkt, aber innerlich zu einem verschreckten und unberechenbaren Wesen zusammengeschrumpft ist.

Immer wieder wälzt sich nun ein schwarzes, haariges Etwas über die Bühne. Die Menschen haben Angst. Sie haben Angst vor dem, was sich hinter ihren vier Wänden abspielt, Angst vor dem, was sie nicht kontrollieren können. Diese verzweifelte, aber auch immer noch unterdrückte Angst wird für mich spürbar. War ich anfangs noch skeptisch, werde ich im Laufe des Stückes mehr und mehr in den Bann gezogen. Ich denke darüber nach, wie sehr die Inszenierung mit Körperlichkeit spielt. Die Tänzer*innen verbiegen sich auf eine Art und Weise, wie ich es vorher noch nicht gesehen habe. Was zunächst auf mich befremdlich wirkt, entwickelt sich zu einer Faszination für das Ungewöhnliche. Hikikomori zeigt, dass wir menschliche Begegnungen und Berührungen brauchen und auf sie angewiesen sind.
Es erinnert daran, wie wichtig Menschlichkeit ist und dass wir trotz der Angst vor den Dimensionen dieser Welt nicht vor ihr zurückschrecken, sondern unsere vier Wände verlassen sollten.

Foto: Karl-Bernd Karwasz

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