(K)EINER VON UNS

Am 22. Juli 2011 wohnte ich bei meinen Eltern in einem alten Forsthaus in einem Schleswig-Holsteinischen Wald. Ich hörte laut das damals aktuelle Album von Florence and the Machine, während ich meine Reisetasche packte. Es war Hochsommer, der heißeste Tag des Jahres stand bevor. Ich verließ den Wald, fuhr nach Hannover, von dort aus nach Calais, mit der Fähre nach Dover und begann meine Sprachreise in Colchester, Essex, England.
Von dem Attentat in Norwegen erfuhr ich erst einige Tage später, als ich mit meinem Gastvater in dessen kleinen Tonstudio saß. Er brachte mir einige Griffe auf der Gitarre bei, ich ihm kleine Basics für Schlagzeug und Cajon. Ein kleiner Fernseher lief in einer Ecke und mein Gastvater schaltete unvermittelt den Ton lauter. Er fragte mich, wie wir im Norden damit umgehen würden und ob ich überhaupt wisse, was geschehen sei. Ich wusste es nicht und kannte auch keinen Umgang.
Nur wenige Tage später begannen die Riots in London.

Die Inszenierung von Einer von uns setzt sich vielschichtig und sensibel mit den Attentaten des Anders Behring Breivik auseinander, die am 22. Juli 2011 im Regierungsviertel in Oslo und auf der Insel Utøya unzähligen Menschen das Leben nahm.
In einer Koproduktion mit Der Norske Teatret ist ein Abend entstanden, der acht Jahre nach den Attentaten versucht, die Katastrophe zu erforschen.

Wie finden wir Worte, um Terror zu beschreiben? Wie kann Hilfe und Unterstützung geleistet werden, wenn eine Katastrophe geschehen ist? Können und müssen wir verstehen wollen, warum Terror geschieht? Und sind die langfristigen Konsequenzen einzuschätzen?

Die Inszenierung arbeitet bildsprachlich. Hier wird umgebaut und eingerissen, es gilt sich physisch in Sicherheit zu bringen und die Perspektiven zu wechseln, um das Geschehen erfassen zu können. Es wird beleuchtet und im Dunkeln gelassen. Projiziert, übersetzt und übertragen. Erfahrungen ausgetauscht und persönliche Standpunkte ausgelotet. Es wird geschwiegen und geschrien, unterbrochen und Raum gegeben. Ein Konstrukt der einzelnen Schauspieler*innen wird innerhalb der Rauminstallation, dem white Cube als virtuellen und mit Bedeutungen aufgeladenen Raum, ein Konstrukt von Gesellschaft etabliert, das einzelne Individuen innerhalb einer Masse (aus-)zeichnet.

Auch die Sehgewohnheiten werden hier gebrochen. Die Zuschauer*innen werden gebeten, auf Kisten Platz zu nehmen, sich also selbst einen Ort zu suchen, von dem aus der Abend erlebt werden kann. Viele wählten Sitzgelegenheiten am Rand, formten aus bekannten Zuschauer*innenkonstellationen eine Arena. Ich entschied mich für einen Platz auf dem Podest in der Mitte. Hier fand ich mich den Blicken der anderen ausgesetzt, die wenigen Menschen, die sich ebenfalls auf der Erhöhung niederließen, und ich fielen aus der konstruierten Norm des Abends. Wir mussten unsere Sitzausrichtungen ändern, um dem Verlauf des Abends folgen zu können. Schließlich die Aufforderung, den Platz zu verlassen, weil unsere Holzkisten für eine nächste Szene benötigt wurden.
Die tatsächliche Auseinandersetzung der Betrachter*innenposition, die Entscheidung für oder gegen die eigene Sichtbarkeit während dieses intensiven Abends sowie die Konfrontation mit unbekannten oder ungewohnten Vorgängen schafft eine Auseinandersetzung mit der eigenen Positionierung in einer simulierten Gesellschaft bzw. einem in dieser Konstellation einmaligen Bild einer zusammengehörigen und stummen Masse, die an jedem Veranstaltungsabend unterschiedlich zusammengesetzt sein wird.

Der Abend schafft Sensibilität durch eine vielfältige Auseinandersetzung, die sich aus öffentlichen Statements (Audioeinspielungen von Jens Stoltenberg), Literatur (Einer von uns von Åsne Seierstad) und persönlich authentischen Moment der Schauspieler*innen, die den Zuschauer*innen eine Collage an Zugangs- und Zugriffsmöglichkeiten auf unterschiedliche Umgangsoptionen zu diesem komplexen wie konkreten Thema, das schlecht greifbar und artikulierter scheint, ermöglichen.
Einer von uns – eine eindeutige Empfehlung.

Foto: Karl-Bernd Karwasz

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