Selbstopferung im Plastikmeer

Seline Seidler, ihres Zeichens Wahl-Hannoveranerin und FSJlerin im Schauspiel Hannover und Inke Johannsen, Studentin der Szenischen Künste, treffen sich im Teestübchen. Der Blick weilt auf den Ballhöfen, die Gedanken schwelgen in Kaffee. Schwarz. Ohne alles. 

Seline: Ich bin sehr begeistert davon, dass die Menschen den Ballhofplatz auch zum Ball spielen benutzen. Kleiner Funfact: der Ballhofplatz wurde früher zum Ball spielen genutzt.
Inke: Ich habe mal eine Führung über die Ballhöfe erhalten, kann mich leider aber an nichts erinnern. Außer an die Orte, an denen man Kaffee bekommt.
Seline: prustet ihren Kaffee aus KAFFEE? WEISST DU EIGENTLICH WIE SCHLECHT DAS FÜR DIE UMWELTBILANZ IST?
Inke: Na, da kennst du dich ja besonders aus. Du setzt dich doch gerade in deiner Stückentwicklung Vier Grad Plus oder die Welt ist tot, wir haben sie umgebracht mit diesem Thema auseinander.
Seline: Ja. Schweigt bedeutungsschwer.
Inke: Magst du mir vielleicht von deinem Projekt erzählen?
Seline: Ja. Schickt einen bedeutungsschwangeren Blick in die Ferne. Ich muss mir das kurz zurecht legen. Es muss sich ja auch intelligent anhören. Kratzt sich am Hinterkopf.
Inke tunkt einen sehr kleinen Keks in ihren Kaffee. Er zerbröselt. 
Seline: Meine drei Spielerinnen und ich haben uns gemeinsam mit der Zukunft auseinandergesetzt, die unseren Nachfahr*Innen bevorsteht und uns gefragt, inwiefern wir dafür verantwortlich sind, uns dafür verantwortlich machen können und verantwortlich gemacht werden sollten. Kurz gesagt: Wir haben uns mit unserer eigenen Schuld am Klimawandel beschäftigt.
Inke: Daraus ist eine Stückentwicklung entstanden, in der ihr euch performativ an das Thema annähert.
Selines Handy klingelt und sie wird gebeten, die Rechnung für die Premieren-Pizza entgegenzunehmen.
Seline: Wir haben versucht, einen Status Quo abzuzeichen, der natürlich nur aus unserer eigenen Perspektive erzählen kann. Ich wollte mir nicht anmaßen, aus der Perspektive jemand anderes zu sprechen, in dessen*deren Position ich nicht bin. Das war auch ganz oft Thema in der Diskussion: Dass wir privilegiert sind, uns so viele Gedanken zu machen und eben NICHT jede*r in der Position ist, sich diese Gedanken machen zu können.
Inke: Magst du mir Beispiele dafür nennen? Ich denke da beispielsweise an die Benutzung von Mehrwegbechern und das Einkaufen in Fairtrade- sowie Bioläden.
Seline: Genau das meine ich. Nicht jeder Mensch kann sich das finanziell leisten. Oder verfügt nicht über den Zugang. Was wir in unserem Stück ansprechen – aus der Perspektive von weißen westeuropäischen Frauen – ist, und das wurde mir auch gefeedbackt, dass wir die ganze Zeit um das Problem herum reden: Wir halten uns für toll, weil wir probieren, plastikfrei zu kaufen und weniger Flugreisen machen. Und auf diese kleinen Sachen sind wir dann arg stolz, obwohl sie nur ein kleiner Teil einer großen, dringend notwendigen Veränderung des Systems sind. Ich bin gar nicht die große Heldin, für die ich mich manchmal halte und die ich mit Sicherheit gerne wäre. Denn wenn ich wollte, könnte ich mein Leben total umkrempeln, wenn ich die Mittel dazu hätte, aber vor allem auch wenn ich weniger bequem wäre.
Und deswegen bewegen wir uns trotzdem weiterhin in diesem Abwärtsstrudel. Und das ist das, was man als Zuschauer*in bei meinen Spielerinnen beobachten kann:
den Versuch, sich als einzelner Mensch irgendwie zu dieser riesigen Problematik zu verhalten. Aus dieser Beobachtung kann dann jede*r eigene Schlüsse ziehen und sie hoffentlich mit anderen diskutieren.
Und ich glaube, das ist auch das, was ich damit anregen möchte. Ich möchte Gespräche über den Klimawandel anregen, ein Hinterfragen anregen. Wir haben selber keine Expertinnenhaltung dazu und können deswegen auch keine Antworten auf die Problematik geben. Ich glaube, das, was wir tun können ist es, mit uns selbst und unseren Umfeldern im Austausch zu bleiben.
Seline reiht ihre Zigarettenstummel fein säuberlich nach Größe im Schlitz zwischen den Pflastersteinen auf.
Inke: Dein Bühnenbild besteht vollständig aus Plastik. Die Zuschauer*innen sehen also Plastikplanen, einen Plastikpool und Plastikflaschen, die gemeinsam auch verschmutze Weltmeere darstellen können.
Seline: Absolut. Das ist auch ein Bild, das ich hervorrufen möchte. Am Ende gehen wir ja unter. Und zwar nicht nur im Meer, sondern auch einfach in einem Haufen Plastik. Ich nenne es auch liebevoll Plastikmeer.
Inke: Ihr habt die Premiere im Ballhof Café gespielt. Am 14. Juni spielt ihr noch einmal auf dem BURN FESTIVAL. Diesmal jedoch unter freiem Himmel im Innenhof des Schauspielhauses. Was wird sich da verändern?
Ein Wassertropfen fällt aus einer am Himmel hängenden Nestlé-Wasserflasche auf Inkes Zigarette .
Seline: Ich habe das Stück unter dem Aspekt konzipiert, es raumunabhängig zu spielen. Gerade deswegen nutzen wir große Plastikplanen als Spielfläche, um einen abgegrenzten Raum zu erschaffen. Ich glaube, dass es super interessant wird, unter freiem Himmel zu spielen, weil wir anderen äußerlichen Einflüssen ausgesetzt sind. Wenn wir von Sonne sprechen und tatsächlich Sonne sehen, ist es etwas anderes als unter Bühnenlicht zu spielen. Im Ballhof Café konnten wir den Anfang und das Ende durch Licht verstärken, dieser Faktor fällt nun weg. Spannend für meine Spielerinnen und mich ist es jetzt, dass es für die Zuschauer*innen keinen klar erkennbar gesetzten Anfang gibt und ich mir vorstellen kann, dass auch Laufpublikum dazukommen wird. Wenn wir nicht mehr vor der Fensterfront im Ballhof Café spielen, können wir ja leider auch keine Influencer*innen mehr beobachten. Damit hatten wir im Probenprozess sehr viel Spaß.
Aus der Efeuwand gegenüber entsprießt eine Horde Influencer*innen. Eine von ihnen wird von einem Hausbewohner geschubst. Alle anderen fotografieren, staunen und gehen auf Instagram live.
Inke: Wenn du Influencerin wärest, in welchem Bereich wärst du tätig?
Seline: Tatsächlich hatte ich mal einen Modeblog. Mittlerweile ist mir das sehr peinlich.
Inke sucht derweil im Internet nach diesem Blog.
Seline: SEHR PEINLICH. ES IST ALLES GELÖSCHT. Seline zerreißt vor Aufregung ihre Zigarette. Ich finde es prinzipiell gut, im Internet eine große Reichweite zu haben, die dann auch genutzt wird. Ich hatte die übrigens nicht, mein Publikum war sehr klein. Aber diese unreflektierte Zurschaustellung von Besitz ist halt so krass kapitalistisch, dass es gar keinen Zweck hat, außer eben diesen Besitz zu zeigen, ohne dabei auch nur irgendwas zurück zu bekommen von den Firmen.
Inke: Ich probiere gerade für ein Projekt zu Körperbildern einen Blog aus dem Boden zu stampfen. Ich glaube, da gefällt mir auch das Format Blog ganz gut, weil ich hier verschiedene mediale Formate anbieten kann. Sei es ein Foto, ein Text oder ein musikalischer Track. Ich finde, hier finden wir eine Parallele zu deiner Auseinandersetzung: Wir können Perspektiven multimedial versammeln und zur  Auseinandersetzung anbieten. Stichwort analog versus digital.
Seline:  Theater ist ein Format, das Zuschauer*innen an die Hand nimmt. Also einmal, weil du eine Person vor dir hast, die du wirklich sehen kannst, anstatt einen Text zu lesen. Das hat auch etwas mit ausgesetzt-sein zutun. Die Spielenden können mit dem Publikum in Kontakt treten und umgekehrt.
Inke: Dann lass uns doch die Botschaft verkünden, wann du zum Beobachten, Erleben und In-Kontakt-Treten einlädst!
Inke erhebt feierlich ihre Kaffeetasse und prostet Passant*innen zu. 
Seline: Am 14. Juni um 18 Uhr im Theaterhof des Schauspielhauses. Man kann uns aber auch auf dem Feel-Festival in Brandenburg oder auf dem SNNTG-Festival in Sehnde erleben!
Inke: Ja, da sind wir doch sicher alle dabei. Sendet einen verschwörerischen Blick an die Schauspielhannover.Blog-Leser*innen.
Seline singt leise „Da sind wir dabei, das ist prima“ vor sich hin.
Seline: Ich hoffe, das hat sich jetzt alles ein bisschen intelligent angehört. Blickt in die leere Kaffeetasse. Gehen wir jetzt was essen?

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