wenn das alles ist, was bleibt

Mit der Premiere von Martin Mosebachs Rotkäppchen und der Wolf: Ein Drama in der Regie von Hausregisseur Tom Kühnel gehen auch zehn Jahre unter der Intendanz von Lars-Ole Walburg zu Ende.
Das gesamte Ensemble, Mitarbeiter*innen des Hauses sowie die (Kinder-) Statisterie sind hier noch einmal versammelt und verabschieden sich mit einem musikalischen und ästhetischen Abend auf einer von Jo Schramm beeindruckend gestalteten Bühne vom Schauspiel Hannover.

Gleitet der schwere rote Samtvorhang zur Seite, gibt er den Blick auf eine Spiegelfläche frei. Der Innenraum der Guckkastenbühne ist mit Spiegeln ausgekleidet, die durch eine schräge Bodenebene die Reflexionen noch verstärken.
Mittels Projektionen an der Rückwand werden immer wieder neue Räume geschaffen, die neue Assoziationen zulassen und die Zuschauer*innen an neue Orte innerhalb des Geschehens tragen. Hier lassen sich für den*die aufmerksame*n Zuschauer*in stets kleine Animationen innerhalb des projizierten und scheinbar statischen Bildes finden. So zwinkern die Jagdtrophäen, trippeln Igel, wimmelt eine einsame Ameise in einem schönen Effekt, der erkannt werden oder verborgen bleiben kann. 
Jedwede Handlung, die innerhalb des Spiegelraums stattfindet, wird vielfältig reflektiert, die durch Bewegung, Erschütterung oder Bass verzogen und verfremdet werden können.
Jede noch so fragwürdige oder vielfältig interpretierbare Szene wird bereits durch das Bühnenbild sich selbst gespiegelt. Den Figuren und dem Verlauf wird also buchstäblich und permanent ein Spiegel vorgehalten, der sowohl hinsichtlich der zahlreichen (Pop-)kulturellen Referenzen als auch der Spieltechniken greift.

Von Tomek Kolczynski musikalisch untermalt erhält das Stück eine Vielzahl an Atmosphären. So erhält beispielsweise die Nähmaschine eine Stimme, der Auftritt der Fliegenpilze erfolgt stets mit einem bestimmten Jingle, der diesen bereits vorauseilt und bewundere ich in einem Augenblick noch das glitzernde Glamrock-Kostüm der Quelle, die Zwiesprache mit Rotkäppchen hält, so glaube ich im nächsten Moment, das Geräusch der Lichtreflexionen hören zu können. Es werden wundersame Momente geschaffen, die die vielen Ebenen dieser rasanten und  multimedialen Inszenierung miteinander verbinden.

Das von Marysol del Castillo entworfene Kostümbild zeichnet sich durch Materialität und  Motive der Wiederholung aus. Vielfältige Stile versammeln sich hier, indem Strukturen auf Farben treffen, die sich zwischen Fabelwelt und bekannten popkulturellen Stilen bewegen. Schwarze Catsuits, die lediglich die jeweilige Rollenbezeichnung tragen, sorgen für eine klare Zuordnung der Figuren im Geschehen. Dark-Wave-Krähen und unter Schwarzlicht leuchtende Hausschuhe, Besen und Ohrensessel begegnen den in Leinen gekleideten Fliegenpilzen, Rotkäppchens Tracht begegnet den ausladenden Ballkleidern der Mutter.

Rotkäppchen und der Wolf: Ein Drama lädt zum Lachen, Mitsingen, Entdecken und Wiedererkennen ein. Mit einer zeitweilig an ein abwechslungsreiches Musical erinnernde Inszenierung mit einer beeindruckenden Ästhetik verabschiedet sich das Ensemble von Hannover und hinterlässt ein wehmütiges Gefühl.
Halt dich an mir fest, wenn dein Leben dich zerreißt, singt die Weinflasche, die Rotkäppchen ihrer Großmutter überbringen soll, halt dich an mir fest, wenn du nicht mehr weiter weißt. Halt dich an mir fest, wenn das alles ist, was bleibt.
Und wenn diese letzte Inszenierung das ist, was von zehn Jahren Intendanz und einem grandiosen Ensemble bleibt, dann bedanke ich mich für die letzten drei Jahre, in denen ich viele Abende im Schauspiel Hannover verbracht habe und sage: Bis bald. Vielleicht.

Foto: Katrin Ribbe

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